Vom Spieler zum Erfinder

Brettspiele sind aus den meisten deutschen Haushalten nicht mehr wegzudenken, aber wie kommen diese überhaupt dahin? Peter Rustemeyer ist Spieleautor aus Köln und hat uns im Interview erklärt, wie es sich als Autor so lebt und wie eine Idee zum Brettspiel wird!

Herr Rustemeyer, Sie sind Spielautor oder Spielentwickler? Wie genau ist ihre Berufsbezeichnung?

Foto: Peter Rustemeyer

Peter Rustemeyer: „In Deutschland spricht man von „Autoren“, weil das eine eindeutige Abgrenzung zu den anderen Rollen im Entwicklungsprozess erlaubt. Im amerikanischen Raum spricht man vom „Designer“, das hat sich bei uns nicht durchgesetzt, weil es ein bisschen nach Grafiker klingt. Aber „Spieleautor“ ist kein klassischer Beruf. Es gibt in dieser Branche nur eine Handvoll Leute, die ausschließlich von ihrer Autorentätigkeit leben wollen – und das auch können.

Der überwiegende Anteil übt klugerweise nebenher einen „richtigen“ Beruf aus und betreibt sein Autorendasein als Hobby, das erfreulicherweise manchmal bezahlt wird.“

Wie sind Sie auf diese doch eher außergewöhnliche Berufsidee gekommen?

Peter Rustemeyer: „Um Spiele erfinden zu können, musst du zuallererst Spieler sein. Ran an den Speck, rein in die Materie. Ich habe mein Leben lang gespielt, in allen Facetten: erst die Klassiker wie Monopoly, Kartenspiele wie Doppelkopf, dann irgendwann moderne Brettspiele wie Catan.

Nebenher gab es Ausflüge ins Rollenspiel, Computerspiel, Tabletop. In der Jugendarbeit galt es immer wieder, Gruppenspiele für hunderte Teilnehmer zu planen und zu erfinden, und irgendwie musste immer ich das machen. Irgendwann habe ich angefangen, die Regeln von Brettspielen nach Gutdünken zu ändern, und je mehr ich geändert habe, desto mehr wurden eigenständige Spiele daraus.

Vor ungefähr drei Jahren habe ich beschlossen, meine Ideen Verlagen verkaufen zu wollen, jung und naiv, wie ich war. Von diesen anfänglichen Ideen ist wenig übriggeblieben, aber ich habe mein Lehrgeld bezahlt, und meine inzwischen zu verstehen, wie die Branche tickt.“

Erläutern Sie doch einmal Ihren Berufsweg, braucht man eine spezielle Ausbildung zum Spieleautor? Oder wie läuft das ab?

Peter Rustemeyer: „Es gibt keinen offiziellen Berufsweg, keine spezielle Ausbildung. Zuallererst braucht es Kreativität, irgendwo müssen die Ideen ja herkommen. Dann braucht es Durchhaltevermögen. Ein Spiel zu entwickeln, erfordert viel Grübeln und Tüfteln. Und dann macht man das einfach.

Es hilft ungemein, mathematisches Talent mitbringen, die „Problemlösungen“ im Design sind oft rechnerischer Natur. Daher finden sich unter meinen Kollegen auch überdurchschnittlich viele Mathematiker oder Informatiker. Obendrein ist es unumgänglich, überhaupt die Zeit zu haben, an einem Spiel zu arbeiten.

Teilzeit ist eine Möglichkeit, oder – ganz Klischee – Lehrer sein. In dieser Sparte findet sich gefühlt der Rest der Autoren. Das wichtigste Kriterium, einen Hobbyautoren von jemandem zu unterscheiden, der das ernsthaft betreiben möchte, ist meiner Meinung nach das „Netzwerken“: Messen und Events besuchen, den Kontakt zu den Verlagen suchen. Damit sie dein Gesicht kennen. Damit sie wissen, bei dir gibt es was zu holen. Ansonsten versanden solche Ambitionen meist schnell wieder.“

Und wenn man dann eine super Spielidee hat, wie geht es weiter? Man produziert und vertreibt die Spiele selbst oder über einen Verlag?

Peter Rustemeyer: „Meine bescheidene Meinung: Wer komplett bescheuert ist, Zeit und Geld verbrennen will, produziert und vertreibt selbst. Das ist in Ansätzen mit dem Buchsektor vergleichbar: Jeder kann heute ein Ebook auf Amazon hochladen, aber das liest dann halt keiner. Nur entsteht beim Ebook kein wirklicher Schaden für den Autor, außer der Zeit, die er umsonst in sein ungelesenes Buch gesteckt hat. Ein Spiel produzieren zu lassen, kostet dagegen richtig Geld, und alles in Vorleistung.

Es passiert immer wieder, dass ein überambitionierter Jungautor und Eigenverlagsgründer auf einer Garage voller Spieleschachteln und ein paar tausend verbrannten Euro sitzen bleibt. Und selbst wenn er Erfolg hat, reich wird er damit nicht, dafür sind die Umsatzzahlen und Margen zu gering. Sicherer ist der Weg über einen etablierten Verlag. Nun wird der nicht jedes Spiel annehmen, aber wenn er es tut, dann ist das schonmal wie ein Ritterschlag. Deine Idee hat jemanden überzeugt. Dann fängt die Arbeit erst richtig an.

In Zusammenarbeit mit den Redakteuren wird der Rohdiamant geschliffen, denn nur äußerst selten ist ein Prototyp wirklich „fertig“. Grafiker und Illustratoren werden beauftragt, das Material wird ausgestaltet, die Kosten werden kalkuliert, und irgendwann wird das Spiel produziert und verkauft. Die Verlage übernehmen das volle Risiko, sie haben ihre Vertriebswege, sie haben einen Namen und eine Reichweite. Das kann eine Einzelperson einfach nicht leisten. Es ist aber auch hier gesund, sich keinen Stundenlohn auszurechnen. Von Ausnahmeerfolgen wie einem „Spiel des Jahres“ abgesehen, bleiben auch hier die Auflagen und Autorenanteile meist im vierstelligen Bereich.“

Was genau fasziniert oder begeistert Sie an diesem Beruf?

Peter Rustemeyer: „Bei der eigentlichen Autorentätigkeit finde ich es einfach großartig, mitzuerleben, wie aus einer simplen Idee ein funktionierendes Spiel wird. Manchmal fügt sich ein Rädchen ins andere, manchmal testet man einfach blind vor sich hin, manchmal kommen großartige Ideen völlig unerwartet. Manchmal ruhen Ideen monatelang in der Schublade, dann zieht man sie wieder heraus und macht einen Riesensprung vorwärts.

Außerdem ist die Branche einfach toll. Sie ist komplett neidfrei, offen und freundlich. Ob Autoren untereinander, selbst Verlage, es gibt keine echte Konkurrenz, keinen Ideendiebstahl, man muss nicht andauernd aufpassen, was man mit wem teilt.

Ich war zum Beispiel vor einigen Wochen auf einem Verlagstreffen auf Mallorca, dort spielten die Mitarbeiter von eigentlich konkurrierenden Verlagen eine Woche lang untereinander ihre neuen Spielideen, teilten also ihre „Innovationen“, und nicht nur das, sie halfen sich sogar dabei, diese noch zu verbessern. Es ist schwer, eine Branche zu finden, die sympathischer ist.“

Wie sieht denn ein „ganz normaler Tag“ in Ihrem Beruf aus?

Peter Rustemeyer: „Ein Brettspiel entsteht in zwei Phasen. In der Theorie, das ist der überwiegende Teil, sitzt der Autor grübelnd vor Karten, Würfeln, Spielplänen, kritzelt Zahlen, Symbole und Texte darauf und streicht sie wieder durch. Dann kommt die Praxis, das Spiel muss getestet werden, mit Freunden, in Spieleclubs und mit anderen Autoren. Egal wie gut ein Spiel in der Theorie durchdacht ist, nur hier erfährt der Autor das wesentliche: ob es die Spieler mitreißt, ob es Spaß macht, ob es spannend ist.

Dann geht es wieder zurück ans Reißbrett. Weil das Spiel nicht so funktioniert, wie es soll, weil es nicht die richtigen Emotionen weckt, weil es zu lange dauert, oder weil sonst irgendwas nicht stimmt. Das ist ein ewiger Kreislauf, bis man irgendwann beschließt, die Idee fallen zu lassen, oder bis der Durchbruch kommt. Dann folgen Anschreiben und Gespräche mit Redakteuren, um die Idee bei einem passenden Verlag unterzubringen.“

Sind sie auch auf Spielmessen vertreten? Die Messe in Essen findet ja beispielsweise bald wieder statt.

Peter Rustemeyer: „Es gibt in Deutschland vier wichtige Termine für Spieleautoren:

Zuallererst die zwei großen Autorentreffen in Haar und Göttingen. Das sind Ideenmessen, die Autoren breiten ihre Spiele auf kleinen Tischen aus und präsentieren sie den Verlagsvertretern, ein bisschen wie beim „Speed Dating“. Und dann natürlich die Verkaufsmessen in Essen und Nürnberg. Die richten sich zwar eher an Endkunden und Händler, aber weil alle Verlage vor Ort sind, ist es auch als Autor ganz praktisch, Termine zu machen. Dieses Jahr werde ich in Essen erstmals Autogramme bei meinem Verlagsstand geben dürfen. Das fühlt sich irgendwie absurd an, aber mal schauen. Ich freue mich, wenn mich jemand findet.“

Wie viele Spiele haben Sie schon selber entwickelt und erfolgreich vertrieben?

Peter Rustemeyer: „Ich habe mehrere Titel bei unterschiedlichen Verlagen vorliegen, aber die sind noch in frühen Stadien, meine erste richtige Veröffentlichung gibt es dieses Jahr zur Messe in Essen.“

Sie leben in Köln, wie steht es hier um die Spielszene? Gibt es viele Autoren? Ist der Beruf stark vertreten?

Peter Rustemeyer: „Es gibt im Kreis Köln ungefähr ein Dutzend Autoren, die sich regelmäßig in der alten Feuerwache im Agnesviertel treffen und austauschen. Bestimmt gibt es noch ein paar weitere, die ich nicht kenne. Weil es eben kein Beruf ist, und die Grenzen zwischen Spieler, Hobbyautor, Autor sehr fließend sind. Dafür gibt es eine riesige Menge private und öffentliche Spielerunden, sogar richtige Clubs wie den Ali Baba e.V. in Nippes.“

Welchen Stellenwert hat Köln ihrer Meinung nach in der deutschen Spielszene/ Spielentwicklerszene?

Peter Rustemeyer: „Keinen. Das sieht im Computerspielbereich anders aus, wenn ich das richtig überblicke, aber im Analogen ist Köln nicht gerade das Mekka. Der größte Vorteil von Köln, neben der Tatsache, dass es eine wunderbare Stadt ist, ist die Lage in Deutschland: Man kommt recht schnell überall hin. Die Branche arbeitet ohnehin eher dezentral, ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt irgendeiner Stadt einen großen Stellenwert zuschreiben würde.“

Und allgemein gesehen, ist das klassische Gesellschaftsspiel noch beliebt? Oder wird es von PCs und Konsolen abgelöst?

Peter Rustemeyer: „Wir leben im goldenen Zeitalter des Brettspiels. Die Branche wächst fröhlich, es erscheinen jedes Jahr über tausend neue Titel auf der Messe in Essen, auch die Verlagslandschaft wird größer und bunter. PCs und Konsolen sind keine Konkurrenz, das passiert meiner Meinung nach eher nebenher. Das Brettspiel bedient andere Bedürfnisse, etwa gemeinsam Zeit zu verbringen. Für den Rest der Frage muss ich wieder ein bisschen wortklauben:

Mit dem Begriff „klassisches Gesellschaftsspiel“ bezeichnen wir Titel wie Mensch ärgere dich nicht, Monopoly oder Risiko. Altbacken, sehr glücksabhängig, teilweise frustrierend für die Spieler. Weil jeder sie kennt und weil sie über Generationen weitergereicht werden, verkaufen sie sich sicher immer noch großartig, aber „beliebt“ sind sie nur bedingt.

Manch Brettspieler klagt, dass ihm diese Titel das Hobby fast verleidet hätten, dass er Jahre gebraucht hätte, um die traumatischen Erlebnisse eines Monopoly an Weihnachten im Kreis der Familie zu verarbeiten. Das „moderne“ Brettspiel sieht ein bisschen anders aus. Es gibt hier zu viele Strömungen, um sie alle in einer kurzen Antwort zu benennen, aber man kann wohl sagen, die Zielgruppe hat sich geändert, weg von der klassischen Familie, hin zum Spieler mittleren Alters, der sich mit Freunden zum Spieleabend trifft. Bekannte Beispiele wären etwa Siedler von Catan, Dominion oder Carcassonne. Anstatt sich nur auf ihr Glück zu verlassen, dürfen die Spieler hier Entscheidungen treffen, strategisch oder taktisch vorgehen.“

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Für sich selber aber auch für ihren Berufszweig?

Peter Rustemeyer: „Ein paar weitere Veröffentlichungen wären nicht schlecht, da arbeite ich dran. Für den „Berufszweig“ würde es vermutlich nicht schaden, wenn sich im finanziellen Bereich etwas ändern würde, so dass wir Autoren das tatsächlich als „Beruf“ ausüben könnten. Sei es in der direkten Entlohnung, sei es über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das würde – ebenso wie in allen anderen kreativen Branchen – helfen, dass mehr Menschen sorgenfrei ihrem Traum nachgehen können.“

Dank Peter Rustemeyer haben wir nun eine bessere Vorstellung davon, wie Brettspiele entwickelt werden und den Weg auf unseren Wohnzimmertisch finden. Vielen Dank für das nette Interview!

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