Das Bild zeigt in schwarz-weiß Menschen beim Kartenspielen.

Verloren im Spielrausch

Diiiing, Diiiing, Diiiing  – Es leuchtet heller als an Weihnachten und Silvester zusammen. Es wurde eindeutig der Jackpot geknackt.
Hierbei stellt sich nun die Frage, ob es sich bei dem glücklichen Gewinner an einem Spielautomaten um einen Kandidaten handelt, der zufällig an einem solchen vorbeigekommen ist und rein zufällig ein paar Euros übrig hatte. Oder ob es sich hierbei um eine Person handelt, die sehr sehr regelmäßig ihr Glück an den bunten, leuchtenden Maschinen versucht.
Dieses „sehr sehr regelmäßig“ lässt sich im Übrigen noch genauer definieren. Entweder wird hier von einem Hobby-Spieler gesprochen, der manchmal Freude daran hat, einen Automaten zu füttern oder es handelt sich um jemanden, der sich davon schon lange nicht mehr lösen kann. Jemand, der eine Spielsucht hat.
In Fachkreisen wird hierbei von pathologischem Spielen gesprochen. Darunter fällt das zwanghafte Spielen oder eben umgangssprachlich die Spielsucht. Seit 2001 wird dieses zwanghafte Bedürfnis nach spielen offiziell als Sucht diagnostiziert. Bei einer solchen Sucht ist es dem Erkrankten kaum möglich, sich gegen den Drang, spielen zu wollen, zu widersetzen. Es muss gezockt werden. Egal wie viel Zeit es frisst und egal, wie viel Geld dabei vom Geldbeutel in den Automaten wandert. Neben diesem Bedürfnis kann auch genauso das Verlangen nach Wett-Teilnahmen eine Ausprägung einer solchen Sucht sein. Dabei siegt immer wieder der Nervenkitzel, diesmal auf den richtigen Verein, die richtigen Lottozahlen oder auch die richtigen Chips im Casino zu setzen.
In Deutschland spielt laut einer Studie aus dem Jahr 2013 jeder zweite Erwachsene regelmäßig. Natürlich entwickelt sich daraus nicht bei jedem eine Sucht, jedoch haben 540.000 Personen in Deutschland ein Problem mit Glücksspielen. Davon sind 2.000 in stationärer Behandlung, wie Spiel-sucht.info berichtet. Reflektiert man diese Zahlen, stellt sich aber eigentlich nur eine Frage: Wie wird aus einem gelegentlichen Spielvergnügen eine krankhafte Sucht?
Der Krankheitsverlauf dieser Erkrankung verhält sich so tückisch, wie die Spielautomaten selbst. In der ersten Phase assoziieren dreiviertel der Spielsüchtigen positive Gefühle mit dem Spielen, da sie zu Beginn oft gewinnen. Quasi das klassische Anfängerglück. Die zweite Phase hingegen kann als kritische Gewöhnung eingestuft werden, da sich die Gedanken und die Koordination des Alltags der Spieler immer mehr darum drehen, wann sich die nächste Gelegenheit zum Spielen ergibt. Dabei wird das Glücksspiel immer häufiger zur Flucht aus dem Alltag. Es kann sein, dass er dort genau die Erfolge und Bestätigung sucht und findet, die er im Alltag bei Freunden oder der Familie nicht mehr bekommt. Das Spielen wird zum Trost. Daraus resultiert bei Manchen schließlich eine Sucht.
In diesem Stadium angekommen, entwickelt das Spielverhalten eine Eigendynamik. Dem Spielenden fällt es immer schwerer, rational zu entscheiden, ob er nun mit dem Spielen oder Wetten aufhören soll oder ob es weitere Stunden und Geld beansprucht. Auch die Pausen zwischen den Spielen werden immer kürzer. Dahinter steckt der immer wieder einkehrende Gedanke: „Beim nächsten Mal gewinne ich bestimmt wieder. Ich hol‘ das wieder raus, was ich heute verloren habe!“. Dieser Kreislauf wird zum täglichen Bestandteil der Gedanken. Die sich alleine kaum noch in den Griff kriegen lassen.
Der deutsche Glücksspielmarkt macht jährlich 32 Milliarden Euro Umsatz. Neben den sich leerenden Geldbeuteln sind aber neben dem Süchtigen selbst, besonders die Familie, Freunde und das berufliche Umfeld die Betroffenen und Leidenden. Um mit dieser Situation umzugehen, gibt es Therapiemöglichkeiten. Wie der Psychotherapeut Reto Cino im Interview mit dem „Spiegel“ erklärt, ist eine individualisierte Therapie ein erfolgreicher Weg. Dabei wird besonders auf die Fähigkeiten und Probleme des Einzelnen eingegangen. Dafür werden oft sportliche oder musische Begabungen berücksichtig. Dem Patienten wird deutlich gemacht, dass andere Aktivitäten wie Sport oder Musik genauso Glücksgefühle hervorrufen können. Ein besonders wichtiger Bestandteil der Therapie ist allerdings das neue Erlernen des Geldmanagements. Herr Cino erklärt, dass dem Patienten hierfür wöchentlich 30€ zur Verfügung stehen, damit er zum einen lernt, richtig zu kalkulieren und andererseits das gesunde Verhältnis zum Geld wieder aufgebaut wird. Die Heilungschancen für Spielsüchtige fallen leider sehr gering aus. Der Passauer Therapeut erklärt, dass eine Spielsucht nicht heilbar sei, sie könne nur zum Stillstand gebracht werden.“. Das heißt, ein kontrolliertes, natürliches Verhältnis zum Spielen ist bei Betroffenen nicht möglich.
In Deutschland existieren 242.500 Spielautomaten, 24.500 staatliche Lottoannahmestellen und 76 Spielbanken und Casinos. Die Zahlen zeigen, dass es Süchtigen nicht gerade einfach gemacht wird, der Verlockung des Glückspiels zu entfliehen. Allerdings entspricht das vermutlich dem Risiko, dass jede Sucht mit sich bringt. Aus diesem Grund ist professionelle Hilfe vermutlich der einzig konstruktive und erfolgsbringende Weg aus der Sucht.
Das Schöne, bei einer Googlesuche des Begriffes „Spielsucht“ erscheint als erster Treffer eine Hilfeseite für Süchtige. Das verdeutlicht, dass die Sucht des Risikospiels ernstgenommen wird und Betroffene nicht allein gelassen werden. Dennoch sollte sich jeder bewusst machen, dass das Klimpern von Geld, das Aufleuchten von grellen, fiktiven Spielcharakteren, das Drehen von Roulette-Scheiben oder willkürliches Ankreuzen von Zahlen auf einem Blatt Papier, nicht nur Spiel und Spaß bedeuten, sondern genauso zum ernsthaften Problem im Leben mancher Menschen werden kann.

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