Eindrücke von der Spiel 2017

Foto: Bettina Begner

Brettspiele sind total verstaubt und ab dem 12. Lebensjahr absolut uncool? Keineswegs! Das beweisen nicht nur zahlreiche Webseiten wie Boardgamegeek oder Spielkult.de, sondern auch die wachsenden Besucherströme der alljährlich stattfindenden internationalen Brettspielemesse in Essen, unweit des Grugaparks. Wie der Friedhelm Merz Verlag als Veranstalter am Sonntag mitteilte, kamen zur diesjährigen Spielemesse rund 182.000 Besucher und somit rund 8000 mehr als im vergangenen Jahr.

Zum 34. Mal hieß es: durchquetschen, handeln, unterhalten und besonders: Spielen! Denn anders als bei der Gamescom, wo Computerspielbegeisterte gerne einmal 3 oder 4 Stunden warten, um das neue Fall Out zu spielen, halten sich die Schlangen bei den Brettspieleverlagen in Grenzen. Besonderen Charme hat die Messe auch deshalb, weil neben den vielen großen Namen wie Kosmos oder Queen Games auch kleine Verlage oder Startups vertreten sind.

Ein Beispiel ist der Verlag Clicker Spiele. Ganz versteckt, irgendwo zwischen Pegasus und Piatnik, steht ein bärtiger, freundlich dreinblickender Mann mit Brille und Bauchtasche und arrangiert ein paar Kartons des Spiels „Café Melange“. Bereits bei meinem letzten Besuch warf ich einen interessierten Blick auf dieses Brettspiel, das in den Wiener Kaffeehäusern Anfang des 20. Jahrhunderts spielt. Durch geschicktes Platzieren seiner Normalsterblichen neben Personen des öffentlichen Lebens, wie Stefan Zweig, Gustav Klimt, Egon Schiele, Arthur Schnitzler oder Sigmund Freud, muss um das meiste Prestige gerungen werden, was sich in der Anzahl an Siegpunkten bemerkbar macht.

Stephan Riedel heißt der Autor dieses wunderbar von Christian Opperer illustrierten Spieles. Der sympathisch aussehende Mann mit der Bauchtasche Riedel ist übrigens auch der Gründer des kleinen, unabhängigen Spieleverlags. Ich trete an ihn heran, noch unwissend, dass sich hinter dem selbstgebastelten Schildchen „Stephan“, der Autor selbst versteckt. Ich frage nach dem Preis des Spiels, das im Netz gerne mal über 30 Euro kostet. „25 Euro. Aber dort hinten ist ein Exemplar, wo sich die Folie ein wenig löst. Wir haben da Probleme mit der Einschweiß-Maschine. Das können Sie für 20 haben.“ Als ich auf der Verpackung „Ein Spiel von Stephan Riedel“ lese, frage ich beschämt nach, ob er der Autor sei. „Ja, der bin ich.“, sagt er ganz bescheiden. „Könnten Sie mir das Spiel signieren?“ – Ein Lächeln macht sich breit. Voller Stolz zückt er den Edding und signiert das Spiel. Für ein paar Euro mehr kaufe ich noch die brandneue Erweiterung für das Spiel, welche erst in den kommenden Monaten im Handel erscheinen wird.

Ein paar Stände weiter hat der Heidelberger Spieleverlag seinen Shop aufgebaut. Hier erinnert alles schon ein wenig mehr an die Gamescom und an Sommerschlussverkauf: Eine abgesperrte Schlange zum Shop. Am Eingang wacht die Security, dass nicht zu viele Menschen auf einmal in der Box stehen. Nach einer Viertelstunde bin ich endlich drin. Der „Spielrausch“ beginnt: Überall Kartons voller Sonderangebote dank Fehldruck oder angeknackster Verpackung. Ich halte „Das Grimoire des Wahnsinns“ in den Händen und lese interessiert die Verpackung. Auf einmal spricht mich jemand an: „Das Spiel ist mein Lieblings-Deckbuilding-Game. Einige Monster sind etwas overpowered, aber das macht es erst richtig spannend!“ In der Buchhandlung oder bei Toys’R’Us hätte jeder wahrscheinlich verdutzt geguckt und wäre einige Schritte weitergegangen und hätte den Kommentar ignoriert. Bei der Spiel in Essen ist das anders. Ich drehe mich um, stelle noch einige Fragen, bedanke mich, und klemme mir den Karton unter den Arm.

Nach 3 Stunden Spieleshopping- und Testing sind die Arme von 13 gekauften Brettspielen schwer und die Füße platt. Bis zur nächsten Spielemesse gibt es nun einiges zu testen. Mal sehen, ob das bis zum 25. Oktober 2018 reicht. Dann findet nämlich die 35. Internationale Spielemesse statt.

Weitere Infos:

http://www.spiel-essen.com/

https://www.clicker-spiele.net/

http://www.spielkult.de/

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